Viele denken bei Yoga an Bewegungen auf einer Matte in Leggings und passendem Oberteil, aber was ist Yoga eigentlich wirklich und was gibt es über den körperlichen Teil hinaus noch darüber zu lernen? Es wundert dich vielleicht, aber der körperliche Part ist tatsächlich ist die Spitze des Eisbergs.
Was ist Yoga?
Yoga ist eine Ethik, Philosophie und Lebensweise, die in etwa 5000 Jahre alt ist. Yoga stammt aus dem indischen Raum und ist darum auch eng mit Traditionen und Weisheiten aus der Region verknüpft. Der Begriff „Yoga“ leitet sich aus dem Wort „Joch“ ab, was so viel bedeutet wie „zusammenführen“ oder „verbinden“. Diese Verbindung bezieht sich auf jene von Körper, Seele und Geist, was auch ein zentraler Punkt der yogischen Philosophie ist. Es ist sehr schade, dass wir unter „Yoga“ heute vor allem eine körperliche Praxis verstehen.
Doch nicht nur das, sondern gerade in Europa oder Nordamerika werden die anderen zentralen Punkte von Yoga nicht unbedingt thematisiert. Die yogische Philosophie und Lebensweise hätte so viel zu bieten und der körperliche Aspekt kann dem einfach nicht gerecht werden. Darüber hinaus ist die körperliche Praxis alles andere als inklusiv. Sie zeigt vor allem weiße, schlanke Frauen in akrobatischen Haltungen. Es wundert mich deshalb nicht, dass Menschen zu mir kommen und behaupten, sie wären nicht flexibel genug, um Yoga zu machen.
Zum einen kann sich genau das mit Zeit und Praxis ändern, zum anderen geht es aber auch überhaupt nicht um die Form des Körpers. Wenn du einen Körper hast, kannst du damit Yoga erleben und praktizieren – Punkt. Wenn du einen Kopf hast, kannst du auch meditieren. Warum das so ist, kann der Weise Patanjali am besten erklären.
Die yogische Philosophie
Einer der Grundlegenden Texte der yogischen Philosophie sind die „Yoga Sutras“ von Patanjali, die er etwa 200 bis 400 Jahre nach unserer Zeitrechnung verfasste. Diese wichtigen Schriften spielen auch heute immer noch eine zentrale Rolle für alle, die sich intensiver mit Yoga auseinandersetzen. Damit gilt Patanjali (gesprochen Patantschali) als Vater des Yogas. Dort beschreibt er auch das vermeintliche Ziel des Yogas: „yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ“ (Vers 1.2) was übersetzt so etwas bedeutet wie „Das Ziel im Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen von Körper und Geist“. Das lass dir mal schön auf der Zunge zergehen.
Hat dich das überrascht? Es geht nicht um Beweglichkeit oder um irgendeine körperliche „Verbesserung“ in diesem Sinne, denn tatsächlich kommt die körperliche Praxis erst viel später zur Sprache. In seinen Sutras beschreibt Patanjali den achtgliedrigen Pfad, der auch „Ashtanga Yoga“ genannt wird – aber nicht zu verwechseln mit dem Yogastil „Ashtanga“, damit hat es nichts zu tun. In diesem Pfad zählt Patanjali 8 zentrale Teile einer ganzheitlichen Yogapraxis auf:
- Yamas – ethische Richtlinien nach außen
- Ahimsa: Gewaltlosigkeit, nicht verletzen
- Satya: Wahrhaftigkeit
- Asteya: Nicht stehlen
- Brahmacharya: Abstinenz/Impulskontrolle
- Aparigraha: Nicht-Gierig bzw. Habgierig-Sein
- Niyamas – ethische Richtlinien nach innen
- Shaucha: Reinheit
- Santosha: Zufriedenheit
- Tapas: Disziplin
- Swadhyaya: Selbststudium
- Ishvara Pranidhana: Hingabe an Göttliches/höhere Macht
- Asana – körperliche Praxis
- Pranayama – Atemübungen
- Pratyahara – Rückzug der Sinne
- Dharana – Kontemplation und Reflexion
- Dhyana – Meditation
- Samadhi – Erleuchtung/Weisheit
Der achtgliedrige Pfad nach Patanjali
Dieser Pfad ist allerdings kein hierarchischer in diesem Sinne, sondern beschreibt vielmehr verschiedene Aspekte im Yoga. Also wir starten nicht mit den Yamas, den ethischen Richtlinien nach außen, und wenn wir diese beherrschen können wir weitergehen zu den Niyamas. Ich stelle es mir vielmehr vor wie ein Kreis, der in 8 gleichmäßige Teile geteilt wurde. Das bedeutet, ich kann Yoga abseits der Matte auch einfach praktizieren, wenn ich zum Beispiel in mich gehe und reflektiere, also mich in Dharana übe.
Doch auch Patanjali beschreibt Asanas, also eine körperliche Praxis. Dieser Teil beschränkt sich jedoch lediglich auf eine einzigen Haltung: Sukhasana, dem „einfachen“ Sitz (so heißt er übersetzt, aber mir ist bewusst, dass im Schneidersitz zu sitzen absolut nicht einfach für viele Menschen ist). Denn laut Patanjali bietet er uns alles, was wir brauchen: wir können so meditieren, Atemübungen ausführen, reflektieren, nachdenken und so weiter. Die anderen Asanas, die wir heute aus den verschiedenen Yogastilen kennen, kamen erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts durch die „Hatha Yoga Pradipika“ dazu. Diese Schriften nennen die ersten Körperhaltungen, die wir auch heute noch im Hatha Yoga kennen. Dann kamen vor allem im 20. Jahrhundert weitere Stile und damit Körperhaltungen dazu.
Laut Patanjali kann es sein, dass wir irgendwann, nach langer, langer Praxis, vielleicht an den Punkt der „Erleuchtung“ kommen. Tatsächlich ist das immer der Punkt, an dem ich selbst etwas stolpere, weil ich ihn schwer greifbar finde. Samadhi ist eigentlich der einzige Teil des Pfades, den wir nicht richtig üben können, aber an dem wir vielleicht irgendwann ankommen könnten. Doch, wie heißt es so schön, der Weg ist das Ziel und wenn wir Erleuchtung vor Augen haben, dann werden wir dort natürlich nie hinkommen. Es eröffnet uns aber ein sehr großes Spektrum an Möglichkeiten, Yoga zu praktizieren, die nichts mit Bewegung zu tun haben.
Yoga abseits der Matte
Wenn wir die Matte aus dem Yoga rausnehmen, was bleibt uns dann? Laut Patanjali eine ganze Menge. Ich kann beispielsweise tagsüber immer wieder meinen Atem beobachten und, je nachdem, was mein Körper grade braucht, eine Pranayama-Pause einlegen. Ich kann die Fahrt mit der U-Bahn nutzen, um zu reflektieren und übe mich in Dharana. Anstatt impulsiv auf einen negativen Kommentar gleich zu reagieren, praktiziere ich Pratyahara, den Rückzug der Sinne, und entgegne erst etwas, nachdem ich mich gesammelt habe.
Wenn ich durch den Park spazieren gehe, kann ich im Gras eine kleine Gehmeditation einlegen und den Boden unter mir bei jedem Schritt wahrnehmen. Vielleicht ist auch mein abendliches Journaln eine Form von Kontemplation und Reflexion, also Dharana. Die 5 Yamas und Niyamas bieten uns zudem Möglichkeiten, unsere Umgangsformen nach außen und innen zu reflektieren. Sei es, dass ich versuche, durch meine Worte niemanden bewusst zu verletzen (Ahimsa) oder kein Gedankengut, das nicht mein eigenes ist, als solches auszuweisen (Aparigraha). Yoga umfasst aber auch, wie ich mich fühle. Es kann uns dabei helfen, für innere Ruhe und Glückseligkeit (Santosha) zu sorgen.
Natürlich kann uns die körperliche Praxis dabei helfen, all das zu kultivieren und zu verinnerlichen. Für viele ist das auch der erste Kontakt zum Yoga und erst nach längerer Praxis lernen sie die anderen Facetten des Yogas kennen. Es bedeutet aber auch, dass wir an Tagen, wo wir nicht auf der Matte waren, vielleicht doch mehr Yoga praktiziert haben, als wir ursprünglich dachten.
Zusammenfassung
Yoga ist eine etwa 5000 Jahre alte Philosophie. Auch wenn wir heute damit vor allem eine körperliche Praxis verbinden, kam dieser Teil erst in den letzten 600 Jahren dazu. In einer der wichtigsten Schriften, den Yoga Sutras, stellt der Weise Patanjali den achtgliedrigen Pfad vor, iwo er nur den Schneidersitz als körperliche Praxis benennt. Alle andere 7 Teile beziehen sich auf Aspekte, die nichts mit jener körperlichen Praxis, wie wir sie heute kennen, zu tun haben.
Das bedeutet, dass Patanjalis Schriften auch heute noch wichtig sind, wenn wir Yoga abseits der Matte praktizieren wollen. Sollten wir Yoga nur als physische Komponente verstehen, so geht damit auch ein wichtiger Teil des yogischen Philosophie und Tradition verloren, der auch heute noch für uns sehr bereichernd und hilfreich sein könnte. Doch die körperliche Praxis, wie sie besonders westlich von Indien bekannt ist, kann für viele Menschen ein leichterer Zugang zu dieser Philosophie sein. Wichtig ist nur, dass wir uns immer vor Augen führen, dass jeder Körper automatisch auch ein Yoga-Körper ist und sein kann.