Die yogische Philosophie hat so einiges zu bieten und ist weit mehr als nur eine körperliche Praxis. Der Weise Patanjali verfasste zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert die Yoga Sutras, eine der wichtigsten Schriften über yogische Philosophie, und benannte dort zum ersten Mal die Yamas. Sie sind der erste Teil des sogenannten achtgliedrigen Pfades, der verschiedene Aspekte der yogischen Lebensweise beschreibt. Die Yamas sind der Teil der ethischen Richtlinien für ein harmonisches und friedliches Miteinander. Ich bin mir sicher, auch du wirst Aspekte davon in deinem Leben wieder erkennen.
1. Ahimsa: über Gewaltlosigkeit
Das erste beschriebene Yama ist „Ahimsa“. Es beschreibt den gewaltlosen Umgang mit unserer Umgebung. Dieser Punkt hat es mir besonders angetan und zum Anfang nannte ich meine Yogapraxis auch „Ahimsa Yoga“. Auch wenn der Name nicht mehr präsent ist, ist der Inhalt immer noch sehr wichtig für mich.
Gewaltlosigkeit kann sich zum Beispiel in unserer Sprache zeigen. Verwende ich verletzende Sprache oder versuche ich, zwar ehrlich, aber gewaltlos zu sprechen? Wie in jeder Philosophie können wir die unterschiedlichen Inhalte verschieden interpretieren und auf unser Leben auslegen. Mir hat es Ahimsa besonders angetan, da ich es besonders auf meine vegane Lebensweise anwende. Ich stellte mein Leben entsprechend um, damit ich so gewaltlos und achtsam wie möglich leben konnte, was den Inhalt meines Tellers angeht.
Natürlich umfasst Ahimsa auch physische Gewalt. Auch wenn wir bei Yoga vielleicht an das Bild einer sehr entspannten Person denken, muss das nicht bedeuten, dass alle Yogi*nis auch abseits der Matte so friedlich sind. Leider gab es auch unter vielen Gurus Machtmissbrauch, was nicht nur rechtlich strafbar ist, sondern auch im direkten Kontrast zu dem ersten Prinzip der Yamas steht.
Nimm dir einen Moment und reflektiere für dich, wo du in deinem Alltag gewaltlose Aspekte wiederfindest. Oder vielleicht hast du dir beim Lesen schon gedacht, dass du dir gerne mehr gewaltlose Bereiche wünschst. Wie und wo kannst du diese implementieren?
2. Satya – Richtlinien für ein wahrhaftiges Leben
Wer möchte kein wahrhaftiges Leben führen? Satya bringt uns dafür mehr Ehrlichkeit in den Alltag. Das kann zum einen bedeuten, dass wir in unseren Taten, Worten und Gedanken wahrhaftig sind. Das bedeutet, wir gehen ehrlich miteinander um – aber beachten dabei Ahimsa, die Gewaltlosigkeit. Nur weil ich ehrlich bin, heißt das nicht automatisch, dass ich Menschen mit meinen Worten auch verletzen muss.
Satya sorgt für mehr Klarheit. Wenn wir nicht ständig in irgendwelche Lügennetze verstrickt sind, sondern klar und ehrlich sind, behalten wir leichter den Überblick. Unsere Freundschaften werden ehrlicher und damit auch echter und wir können leichter verstehen, was wir eigentlich wollen.
Ein gutes Bild für Satya ist es meines Erachtens nach, die eigenen Grenzen zu kommunizieren. Je öfter wir dem Gegenüber sagen, dass es für uns grade zu unangenehm/viel/laut ist, desto leichter fällt es uns, das immer wieder zu tun. Durch eine bedachte Wortwahl aus der Ich-Perspektive achten wir dabei auch Ahimsa, was in diesem Fall als achtsamer Leitfaden der gewaltfreien Kommunikation dient.
Wo kannst du Satya in deinem Leben erkennen? Bist du für deine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit bekannt? Oder fällt es dir eher schwer, dich so zu verhalten? Vielleicht hast du Schwierigkeiten damit, deine Grenzen aufzuzeigen oder jemanden ehrlich aber auch gewaltfrei zu vermitteln, dass dich ein Verhalten verletzt hat.
3. Asteya, oder: eigne dir nichts Fremdes an
Nicht-Stehlen ist etwas, das uns in vielen anderen Ethiken oder auch Religionen begegnet. Im yogischen Sinne zeigt sich das nicht nur in Bezug auf Materielles, sondern auch bei Gedankengut. Gerade in Social Media sehen wir das oft, wenn genau die gleiche Wortwahl auf ein anderes Video gesetzt wird, ohne das die Person, deren Idee es war, dabei vermerkt wird.
Oft fällt es uns leichter, bei Diebstahl an materielle Güter zu denken, aber Ideen sind genauso wertvoll und Asteya umfasst alles, was nicht uns gehört. Es ist ja völlig normal, dass wir in unserer Gesellschaft von anderen inspiriert werden. Darum lohnt es sich, manchmal nach innen zu hören und uns zu fragen, ob das gerade Inspiration war oder doch eigentlich das Gedankengut einer anderen Person. Wenn ja, dann sollte das auch als solches ausgewiesen werden. Nicht umsonst ist Plagiat so ein großes Thema in der Literatur.
Inwiefern hat Asteya mit dir resoniert? Hast du das Gefühl, dass du dieses Yama schon sehr verinnerlicht hast oder hast du dich an manchen Stellen etwas ertappt gefühlt? Wie kannst du in diesem Sinne ein aufrichtigeres Leben führen?
4. Brahmacharya, die achtsame Energiekontrolle
Direkt übersetzt bezieht sich Brahmacharya auf Abstinenz – aber was fangen die meisten uns schon mit einer Richtlinie an, die wir vor allem mit dem Klerus in Verbindung bringen? Brahmacharya kann aber noch viel mehr als das und ich bin mir sicher, du wirst gleich auch einen Bezug zu deinem Leben erkennen können.
Eine andere Übersetzung für das 4. Yama ist nämlich. eine achtsame Energie- oder Impulskontrolle. Das bedeutet, wir üben uns in Impulskontrolle, wenn wir nicht gleich auf etwas reagieren, wie beispielsweise ein negativer Kommentar oder Kritik. Wir reflektieren damit, wo wir unsere Energie bewusst hinlenken wollen und wo nicht. Damit bildet Brahmacharya auch eine der wichtigsten Richtlinien in Bezug auf Stressmanagement und Achtsamkeit im Alltag.
Das ist ja alles schön und gut, aber wie sollen wir das jetzt umsetzen? Eine Möglichkeit ist, zu reflektieren, wo du vielleicht unnötige Energie reinsteckst. Vielleicht regst du dich oft über etwas auf, was du nicht ändern kannst. Im Moment kann es auch helfen, kurz durchzuatmen, denn der Atem ist wirklich ein wichtiger Anker bei Stress und impulsivem Verhalten.
Und hast du dich irgendwo wiedergefunden? Vielleicht verleitet dich das dazu, mehr in dich zu gehen und zu überlegen, wo du deine Energie so verschenkst. Schreib dir gerne ein paar Gedanken dazu auf, denn schriftlich fällt es uns oft leichter, mit etwas zu arbeiten.
5. Aparigraha für weniger Gier
Mit dem Begriff „Gier“ finden wir erneut Überschneidungen mit anderen Kulturen. Diese auch christliche Todsünde kann im yogischen Sinne ähnlich und doch etwas anders interpretiert werden, denn bei den Yamas geht es vor allem darum, wie wir mit unserer Umwelt umgehen und Gier ist ja auch ein Gefühl, das wir verspüren, und nicht unbedingt eine Handlung.
Trotzdem kann uns Gier auch zum Handeln verleiten. Außerdem ist es Ausdruck davon, dass wir nie genug haben. Gier lenkt den Blick immer auf das, was noch fehlt – das Glas ist dabei immer halbvoll. Es führt zu egoistischem Handeln und ist irgendwo auch Ausdruck des Kapitalismus‘. Ständig haben wir das Gefühl, uns fehlt etwas, um glücklich zu sein.
Da Aparigrarah das letzte Yama vor den Niyamas ist, bildet es auch einen ganz guten Übergang von den Richtlinien nach außen zu jenen, die in unserem Inneren stattfinden. Es unterstützt uns dabei, weniger weltliche Güter besitzen zu wollen und lenkt den Blick auf das Wesentliche – und das ist oft eben nicht materieller Natur.
Ertappst du dich auch manchmal dabei, deine Gefühle beispielsweise mit einem Einkauf zu betäuben – und macht dich das dann wirklich glücklicher? Hier geht es nicht nur um Nachhaltigkeit, die zu Zeiten Patanjalis noch nicht so relevant war, sondern auch darum, dass wir lernen, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben und andere nicht für das zu beneiden, was sie haben. Das wird uns auch in den Niyamas, dem nächsten Punkt, wieder begegnen.
Zusammenfassung der Yamas
Die Yamas sind Teil des achtgliedrigen Pfades nach Patanjali und umfassen 5 ethische Richtlinien für ein besseres und achtsames Miteinander. Ahimsa beschreibt den gewaltfreien Umgang mit unserer Umwelt. Satya hilft uns dabei, einen ehrlicheren Umgang miteinander zu schaffen. Asteya lehrt uns, dass wir nichts Materielles oder Gedankliches von anderen nehmen und es als das unsere ausweißen sollen. Mit Brahmacharya lernen wir, nicht zu impulsiv zu reagieren und zu reflektieren, wie wir unsere Energie verwenden wollen. Damit wir andere nicht beneiden und dabei außer Augen verlieren, was wir haben, hilft uns Aparigraha.
Ich hoffe, die Yamas sind dir jetzt vertrauter und du findest Parallelen zu deinem Leben. Es kann auch sein, dass manche Themen besonders gut zu dir passen, wie Ahimsa zu mir, und du mehr darüber lernen möchtest oder es zu einem zentralen Punkt in deiner Yogapraxis auf und abseits der Matte wird. Ich bin gespannt, inwiefern dich die Yamas weiter auf deiner Reise begleiten werden.