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Darum ist der BMI kein Maßstab für Gesundheit

Wer kennt ihn nicht, den Body Mass Index, oder kurz: BMI. Er ist neben Gewicht und Größe DAS Maß an Gesundheit – oder etwa doch nicht? Denn ein so oft verwendeter Gesundheitsmesser wurde doch sicherlich ausführlich getestet und ist Evidenz-basiert. Oder? Tja, ich muss dich leider (oder eher: zum Glück) enttäuschen. Denn der BMI eignet sich vor allem für die Tonne. Warum das so ist, erfährst du hier.

Ein statistisches Medium

Bevor wir den BMI kritisieren (und keine Sorge, das kommt hier auf jeden Fall nicht zu kurz) müssen wir uns aber erstmal anschauen, wo er überhaupt entstanden ist. Tatsächlich gibt es den BMI schon fast 200 Jahre, wurde er doch 1832 von dem belgischen Mathematiker Adolphe Quételet entwickelt. Er rechnete damals das Körpergewicht in Kilogramm durch die Größe in Meter zum Quadrat. Damit errechnet der BMI also unsere Körperdichte.

Diese Formel hat Quételet anhand von weißen, männlichen Europäern vor fast über 200 Jahren entwickelt. Wie das erfolgreich auf Menschen verschiedener Ethnien des 21. Jahrhundert erfolgreich angewandt werden soll, ist einer der vielen Kritikpunkte, denn die Ethnie hat auch Auswirkung auf unsere Knochendichte oder Muskel- und Fettverteilung. Zudem bietet der BMI uns keine wissenschaftliche Grundlage. Man muss Quételet aber auch zugute halten, dass er einfach nur ein statistisches Mittel erstellen wollte, das die verschiedenen Länder miteinander vergleichen sollte. Er wäre wahrscheinlich selbst überrascht, dass seine Formel heute verwendet wird, um den vermeintlichen Gesundheitszustand einer Person zu ermitteln.

Lobbyismus im Gesundheitssystem

Nach Quételets Rechnung wurde der BMI vor allem zum Ende des 20. Jahrhundert wieder populär und wurde in unser heutiges Gesundheitswesen integriert. In einem Artikel von 1972 wurde der BMI erwähnt, jedoch nur als statistisches Mittel empfohlen. Doch eine US-amerikanische Versicherung nutzte den BMI dann erstmals zur Einstufung von Gesundheitsprämien ihrer Versicherten. Anschließend begann auch die WHO ihn in den 80er Jahren zu verwenden.

Die 4 Klassen des Body Mass Indexes, „untergewichtig“, „normalgewichtig“, „übergewichtig“ und „adipös“ (ich zitiere hier den BMI, denn ich würde diese Begriffe nicht verwenden) sollten also den Gesundheitszustand bestimmen. Je nach Dichte war eine Person entweder gerade richtig, zu dick oder zu dünn – und das in variablem Maße. Diese Einstufung beruht aber auch auf keiner Studie oder ähnlichem, sondern galt der Vermutung, dass eine 20% Gewichtszunahme des vermeintlichen „Normalgewichts“ als ungesund gelten solle. Die „normale“ Gruppe war damals übrigens breiter aufgestellt und galt bis zu einem BMI von 27,8 bei Männern und 27,3 bei Frauen.

Dann kam eine Lobbygruppe ins Spiel – und zwar nicht irgendeine, sondern zwei Pharmakonzerne, die nicht nur Medikamente zur Gewichtsregulierung betrieben, sondern auch Abnehmkliniken sponserten. Sie sorgten dafür, dass der BMI der „Normalgewichtigen“ nur noch bis 25 reichte. So gingen eines Nachts Millionen US-Bürger*innen „normalgewichtig“ schlafen und wachten „übergewichtig“ auf. Zudem wurde auch eine zusätzliche Kategorie bei „adipös“ hinzugefügt. Und die Pharmakonzere hatten auf einen Schlag Millionen von neuer Kund*innen.

Den vermeintlichen „Beweis“ den die Lobbygruppe damals einreichte, war, dass es einen Zusammenhang von einem höheren BMI und einem schlechteren Gesundheitsstatus gab. Das galt allerdings erst ab einem BMI von 40. Klingt wie eine Verschwörungstheorie, oder? Glaub mir, ich wünschte es wäre so. Ist es leider nicht.

Dünner = besser?

Da wir es also nicht mit einer Evidenz-basierten Messmethoden zu tun haben, müssen wir folglich Studien, die den BMI heranziehen, ebenso kritisch betrachten. Darüber hinaus wird auch immer noch diskutiert – und von Seiten der gewichtsneutralen Bewegung, zu der ich mich auch dazu zähle – angefochten, ob es so etwas wie ein „Normalgewicht“ gibt. Ist denn mehrgewichtig automatisch ungesund?

Die ganz klare Antwort lautet: nein! Studien zeigen (siehe weiter unten), dass mehrgewichtige Menschen keinen schlechteren Gesundheitszustand haben als dünne. Das wird heutzutage mit dem schwierigen Begriff des „Adipositas-Paradoxon“ beschrieben. Darüber habe ich genauer in meinem Podcast gesprochen, da kannst du gerne mal reinhören!

Gerade auch, wenn wir älter werden, oder beispielsweise an Krebs erkranken, kann ein Speicher an Fett durchaus lebensnotwendig sein. Außerdem wird laut BMI ja auch behauptet, dass es nur um das Gewicht geht. Wenn das stimmt, dann passt auch alles andere. Aber wenn wir beispielsweise auf Rauchen schauen, was beispielsweise den Appetit unterdrückt, kann ich dadurch etwa mein Gewicht reduzieren, aber nicht unbedingt meine Gesundheit verbessern.

Warum Zahlen ohnehin nicht so wichtig sind

Was soll außerdem unsere „Dichte“, die dabei ja ausgerechnet wird, aussagen? Dabei wird beispielsweise die Körperzusammensetzung nicht beachtet, denn Muskeln sind schwerer als Fett. Außerdem können Zahlen einen Gesundheitszustand nicht oder wenn, dann nur begrenzt, wiedergeben. Vielleicht habe ich ein gestörtes Essverhalten und erreiche nur durch strikte Diät und exzessiven Sport mein vermeintliches Normalgewicht. Klingt das gesund? Für mich jedenfalls nichts.

Apropos gestörtes Essverhalten, stell dir mal vor, du kämpfst lange mit einer Essstörung – und siehst endlich wieder Licht am Ende des Tunnels. Das bedeutet auch, dass es für dich keine Regeln beim Essen mehr gibt und du wieder mit Genuss essen kannst. Vielleicht bedeutet das, dass auch dein Gewicht dabei steigt. Aber du fühlst dich glücklich, du hast endlich wieder Spaß am Essen und auch an der Bewegung, aber der Zwang hat dich nicht mehr im Griff. Und jetzt kommt jemand vorbei und sagt, dass dein BMI jetzt aber zu hoch ist und du abnehmen solltest. Das ist doch zum Verzweifeln, oder?

Außerdem ist Gewichtsabnahme in den meisten Fällen schlecht für unseren Stoffwechseln, denn wir nehmen zu Beginn meist Muskelmasse ab, denn die gibt der Körper lieber her als Fett. Nach 1-2 Wochen können wir diese einschränkende Diät nicht mehr einhalten und essen wieder normal – oder haben sogar einen Essanfall nach einer langen, restriktiven Phase. Jetzt, wo dein Körper bemerkt, dass wieder ausreichend Energie vorhanden ist, beginnt er, sicherheitshalber etwas Fett anzubauen – als Speicher für später. Das bedeutet, nach dieser Diät haben wir weniger Muskelmasse und mehr Fett als vorher. Und das soll auf einmal gesünder sein?

Alternativen zum BMI

Aber wie können wir denn sonst auf die Gesundheit blicken und Informationen darüber bekommen, die nicht nur subjektiv sind? Da gibt es viele Faktoren, die gewichtsneutral sind. Wir können auf den Blutdruck schauen, die Cardio-Fitness messen oder beispielsweise Entzündungsmarker messen. Denn das sind Werte, die enger mit dem Lebensstil verknüpft sind, als mit dem Gewicht, da dicke Menschen, die körperlich aktiv sind, gesünder sind als dünne Menschen, die sich nicht bewegen.

Für unsere Gesellschaft ist es auch wirklich an der Zeit, Gesundheit und Bewegung gewichtsneutral zu vermitteln. Es ist viel lohnenswerter, Menschen zu zeigen, wie köstlich und nährstoffreich Obst und Gemüse ist, also über die Gefahren von Süßigkeiten zu sprechen. Sport soll auch nicht dazu dienen, irgendein vermeintliches Körperideal zu erreichen, sondern uns dabei unterstützen, dass wir uns wieder wohl im Körper fühlen. Spaß darf das alles auch machen, wenn wir es eben entsprechend vermitteln.

Zusammenfassung

Der BMI dient heute als Gesundheitsmaßstab, obwohl er dafür überhaupt nie ausreichend getestet wurde. Zudem führte Lobbyismus von Pharmakonzernen dazu, dass die Kategorien des Body Mass Indexes noch strenger wurden und auf einmal waren Millionen von Menschen angeblich zu schwer. Dabei wird ja auch nicht berücksichtigt, aus was sich das Gewicht zusammensetzt, denn ich kann viele Muskeln und auch Fett haben.

Der BMI will uns zudem vermitteln, dass dünn automatisch gesund bedeutet. Aber dabei ignorieren wir den Lebensstil, der eigentlich noch viel wichtiger für unseren Gesundheitszustand ist – und auch aussagekräftiger. Anstatt Menschen für ihr Gewicht zu diskriminieren, ist es viel effektiver, wenn wir gewichtsneutral arbeiten und Spaß an Ernährung und Bewegung vermitteln. Und dafür braucht es den BMI einfach nicht.

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Zitierte Quellen und Literatur 

Joshua Wolrich Food isn’t Medicine, 2021. 

Barry et al. 2014. Fitness vs. Fatness on All-Cause Mortality: A Meta-Analysis. Progress in Cardiovascular Diseases.

Carl Lavie: The Obesity Paradox: When Thinner Means Sicker and Heavier Means Healthier, 2014. 

Blair et al. 1996. Influences of Cardiorespiratory Fitness and Other Precursors on Cardiovascular Disease and All-Cause Mortality in Men and Women.

Flegal et al., Association of All-Cause Mortality With Overweight and Obesity Using Standard Body Mass Index Categories: A Systematic Review and Meta-analysis, JAMA, Januar 2013 https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/1555137

Global BMI Mortality Collaboration, Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents, Lancet, Juli 2016 https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)30175-1/fulltext

https://www.connektar.de/gesundheitswesen-wellness/zufriedenheit-statt-diaet-und-abnehmen-wie-uns-die-diaetindustrie-etwas-vormacht-83807

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