Burger und Pizza ohne Ende oder doch eher ein verstecktes Abnehmprogramm? Vielleicht hast du schon mal von intuitivem Essen oder intuitiver Ernährung gehört? Allerdings ist die Definition oft nicht so klar, darum möchte ich dir gern näherbringen, was sich hinter diesem wunderbaren Ernährungskonzept verbirgt.
Intuitives Essen nach Resch & Tribole
Die zwei Ernährungstherapeutinnen und Diätologinnen Elyse Resch und Evelyn Tribole haben 1995 das Ernährungskonzept von intuitivem Essen entwickelt. Die Wirksamkeit des damals noch relativ revolutionären Ansatzes, auf die Bedürfnisse des Körpers zu hören statt irgendwelchen rigiden Diäten Folge zu leisten, ist mittlerweile von über 1200 Studien belegt. Für Resch und Tribole war es einfach weder nachhaltig noch effektiv, ihren Klient*innen stets zu empfehlen, weniger zu essen, um ein vermeintliches Idealgewicht zu erreichen. Vielmehr stellten sie alles, was sie bisher vermittelten, auf den Kopf.
Sie entwickelten intuitives Essen, damit sie sich um das körperliche als auch mentale Wohl ihrer Kund*innen kümmern konnten. Zudem konnten sie damit auch Menschen mit Essstörungen oder einem gestörten Essverhalten helfen, mit Ernährung und ihrem Körper Frieden zu helfen. Denn auch wenn Diversität immer mehr Anerkennung findet, so glauben viele von uns immer noch, dass es den einen, „gesunden“ Körper gibt. Er ist schlank, weil alles andere wäre krank. Doch so einfach ist das nicht, denn mehrere Studien (sie werden im Folgenden zitiert) haben bewiesen, dass der Lebensstil, also beispielsweise wie wir uns ernähren, vielmehr über unseren Gesundheitszustand aussagt als unser Gewicht. Und Menschen mit Mehrgewicht können sich ausgewogen ernähren und Sport treiben und vermeintlich normschlanke Menschen können sich nicht um ihre Gesundheit kümmern, und trotzdem wird nur eine Gruppe von beiden als „gesund“ wahrgenommen. Und die der Mehrgewichtigen ist es nicht (Gaesser et al. 2021: Obesity treatment: Weight loss versus increasing fitness and physical activity for reducing health risks).
Zudem sind chronische Diäten viel schädlicher für unsere Gesundeit als Gewicht oder Körperform. Das ständige auf und ab von Gewicht und Kalorienaufnahme schädigt unter anderen das Herz. Doch dafür hat unser Gesundheitssystem leider noch keine Augen (O’Hara & Taylor 2018: What’s Wrong With the ‘War on Obesity?’ A Narrative Review of the Weight-Centered Health Paradigm and Development of the 3C Framework to Build Critical Competency for a Paradigm Shift).
Was ist intuitives Essen nicht?
Intuitives Essen ist kein Diätprogramm, auch wenn es von manchen so vermarktet wird. Auch wenn wir mit vermeintlich intuitiven und harmlosen Begriffen wie „Wohlfühlgewicht“ um uns werfen, ist das alles in jener Diätkultur verwurzelt, von der sich intuitives Essen (das Original) explizit distanziert. Beispielsweise der Begriff „Wohlfühlgewicht“ suggeriert, dass eine Zahl über das eigene Wohlbefinden entscheidet und es geht am Ende doch primär um das Aussehen.
Außerdem ist es für viele Menschen sehr schwierig, abzunehmen. Und wenn sie intuitiv essen, also auf ihren Körper hören, dann vielleicht schon gar nicht. Aber warum auch – ist eine gesunde Beziehung zum Körper und zu Ernährung nicht wichtiger, als irgendeiner unrealistischen gesellschaftlichen Norm zu entsprechen? Stell dir vor, du bist endlich glücklich und zufrieden mit dir und lässt dich von nichts und niemandem mehr einschränken und lebst dein Leben in vollen Zügen? Sind das die paar Kilo hin oder her nicht Wert?
Gibt es ein einheitliches intuitives Essen?
Leider nein. intuitives Essen ist in diesem Sinne kein geschützter Begriff, sondern wird auch für Abnehmprogramme oder Diäten genutzt – sehr zur Frustration jener, die damit eigentlich ein freies Ernährungskonzept im Einklang mit Körper und Geist schaffen wollen. Darum würde ich dir auch immer empfehlen, dich zu informieren, wo eine Person ihre Weiterbildung gemacht hat und welche Inhalte und Werte sie vermittelt. Bietet sie zum Beispiel Abnehmprogramme oder sonstige Diäten an, ist das aus meiner Sicht schon mal ein schlechtes Zeichen.
Ich habe meine Weiterbildung bei Evelyn Tribole gemacht, einer der beiden Gründerinnen von intuitivem Essen. Diese umfasste einen Selbstlerntest, Live Webinare und Supervision, zusätzlich zu einer umfangreichen Lektüre von aktuellen Studien. Darüber hinaus richtet sich die Weiterbildung vor allem an Personen, die Gesundheitsberufe ausüben, und dabei insbesondere an Psycho- und Ernährungstherapeut*innnen.
Wie sieht intuitives Essen in der Praxis aus?
Beim intuitiven Essen gibt es keine Lebensmittelhierarchie. Am besten ist es anhand eines Beispiels erläuterbar: So sind der Apfel und der Apfelkuchen gleichrangig bei der Entscheidung, was gegessen wird. Natürlich unterscheiden sie sich ernährungsphysiologisch, aber darum geht es nicht. Der Apfel ist in diesem Fall nicht die „gesunde“ Variante und der Kuchen keine Belohnung oder keine „Ausnahme“. Wenn du vor dieser Entscheidung stehst, stellst du dir als intuitive Esser*in jene Fragen: Wie groß ist dein Hunger? Und worauf hast du grade Lust? Das sind eigentlich die Leitfragen, wie wir im intuitiven Essen an Ernährung herantreten. Wenn du zum Beispiel nur noch wenig Hunger hast, ist der ganze Kuchen wahrscheinlich zu viel, weil du dich nicht unangenehm voll fühlen willst. Du könntest aber auch nur einen halben Kuchen essen. Wenn du aber genau darüber nachdenkst, spricht dich der saftige Apfel mehr an und du entscheidest dich dafür – denn du weißt, dass du jederzeit Kuchen essen kannst, wenn dir danach ist. Es ist keine Jetzt-oder-nie-Entscheidung.
Diese Entscheidungsfreiheit können sich viele gar nicht vorstellen, denn allein der Gedanke daran, ohne Restriktion zu leben, kann beängstigend sein. Dafür habe ich auch volles Verständnis, denn Essanfälle, wie sie bei Langzeitdiäten oft der Fall sind, können verunsichern. Darüber hinaus denken die meisten Menschen, ihre Willenskraft sei der Grund, warum sie nicht abnehmen können und zweifeln deshalb an ihrer Beherrschung. Doch ich habe eine sehr gute Nachricht für dich: sobald wir ein Verbot aufheben, sieht das Verlangen gleich ganz anders aus. Stell dir vor, du isst tagein, tagaus nur Pizza. Schon bald wirst du dich nach einem Salat sehnen.
Viele intuitive Esser*innen haben sogar gemerkt, dass manche Lebensmittel, nach denen sie sich in ihren Diätphasen stark gesehnt haben oder mit denen sie sich überessen haben, ihnen eigentlich gar nicht mehr schmecken. Dieses Verlangen entsteht oft allein durch das Verbot – oder auch, wenn wir uns zeitlich eingrenzen, wie beim Intervallfasten oder an „Cheat Days“, also an Tagen, an denen wir uns endlich erlauben, das zu essen, was wir uns die ganze Zeit verboten haben. Es ist also ein strukturelles Problem und kein Charakterfehler. Leider kann man mit Diäten und Abnehmprogrammen sehr viel Geld machen, denn wir sind ja immer wieder auf sie angewiesen, weil sie einfach nicht funktionieren (Rothblum 2018: Slim Chance for Permanent Weight Loss).
Kann intuitives Essen wirklich funktionieren?
Ja, das kann es – wenn wir uns dem Prozess wirklich hingeben. Denn, wenn wir intuitives Essen zwar probieren, aber immer noch auf einen Gewichtsverlust hoffen, dann halten wir immer noch an alten Mustern fest. Wenn du dir aber das Werk von Elyse Resch und Evelyn Tribole durchliest, wirst du da auch viele Erfolgsgeschichten von intuitiven Esser*innen finden. Darüber hinaus zeigen auch zahlreiche Studien, dass Menschen, die intuitiv essen, gesünder sind und weniger Zeichen eines gestörten Essverhaltens aufzeigen (Linardon, Tylka & Fuller 2021: Intuitive eating and its Psychological Correlates: A Meta-Analysis).
Wie kann ich intuitiv essen lernen?
Wenn du jetzt interessiert bist, gibt es ein paar Möglichkeiten, wie du dich mehr mit deiner Intuition beim Essen verbinden kannst. Du kannst dich entweder bei mir melden und einen Termin zur Einzelberatung mit mir ausmachen. Oder du kommst in meine Intuitiv Essen Gruppe und integrierst intuitives Essen Stück für Stück in dein Leben. Ich mag Gruppenangebote besonders gerne, da man nicht nur voneinander lernen kann, sondern sich auch mit den anderen Teilnehmenden stark verbunden fühlt, weil sie durch ähnliches durchmüssen.
Option zwei ist, dich in die Materie einzulesen. Du kannst dir zum Beispiel mein Ebook für 0€ herunterladen (siehe unten) und dich so intensiver mit dem Thema beschäftigen. Dasselbe kannst du zum Beispiel auch mit dem Buch von Resch und Tribole machen. Das Werk gibt es zwar auch auf Deutsch übersetzt, dort hat der Verlag aber eigenständig die Entscheidung getroffen, es mit „Intuitiv Abnehmen“ zu betiteln. Du kannst dir vielleicht den Ärger von sämtlichen Seiten vorstellen. Aufgrund der fraglichen Wortwahl innerhalb des Buches würde ich dir eher empfehlen, das Original zu lesen, wenn deine Englischkenntnisse das zulassen, aber natürlich vermittelt die deutsch Version auch die Grundprinzipien gut. Ich bin nur einfach aufgrund des Titel Faux Pas sehr skeptisch – aber eine Sprachbarriere soll kein Grund sein, dass du das Buch nicht lesen kannst.
Es kann sein, dass nicht jede Person deinen Weg oder auch intuitives Essen an sich versteht – und das ist auch in Ordnung so. Wir müssen nicht immer alles verstehen, um es zu akzeptieren. Ich hoffe, du fühlst dich nun bestärkt, deine mögliche Diätvergangenheit hinter dir zu lassen! Du kannst mir immer schreiben, wenn du noch Fragen hast (oder du schreibst mir einen Kommentar) und ich werde mein Bestes geben, dir weiterzuhelfen. Als jemand, der selbst auf dem Weg von intuitivem Essen ist, kann ich nur unterstreichen, wie befreit ich mich fühle. Ich hoffe, du kannst dieses Gefühl bald selbst nachempfinden. Ich drück dir die Daumen!
Wofür du dich auch entscheidest, ich wünsche dir alles Gute für deinen Weg!