Fragst du dich auch manchmal, warum du dich eigentlich so unwohl in deinem Körper fühlst? Warum du dich an einem Tag, wo du viel am Handy warst, auf einmal „zu dick“ fühlst? Ich kann dir sagen, dass Social Media – auch, wenn du es gar nicht unbedingt direkt konsumierst, dein Körperbild sehr stark beeinflussen kann. Und das nicht unbedingt immer positiv. Genau das schauen wir uns heute an.
Wenn du neu hier bist: Hi, ich bin Doris, traumasensibile Yogalehrerin und gewichtsneutrale Ernährungstherapeutin und ich helfe Menschen dabei, sich in ihrem Körper wieder wohler und freier zu fühlen – ganz abseits von Diäten, Verboten und anderen stupiden Regeln & Selbstoptimierung.
So wird unser Körper zum Objekt
Aber bevor wir Social Media gänzlich die Schuld an Körperbildstörungen geben, schauen wir erstmal auf die Veränderung unseres Körpers und seiner Wahrnehmung. Für Kinder ist der Körper vor allem etwas Funktionales. Sie toben, sie spielen, sie klettern. Kinder sind sich keiner Außenwahrnehmung des Körpers, wie wir sie heute kennen, bewusst. Sie sehen den Körper auch gar nicht als etwas „Ästhetisches“ und nehmen auch Unterschiede, wie Form, Größe, Hautfarbe, etc. erstmal gar nicht wahr.
Doch mit der Zeit, in der Regel spätestens in der Pubertät, wird der Körper, gerade auch für Mädchen, vom Subjekt zum Objekt. Viele Jugendliche merken mehr und mehr, dass auch andere ihren Körper wahrnehmen. In der Schule bilden sich unter anderem Hierarchien und Kinder bekommen erste Berührungen mit „Pretty Privilege“ und Gewichtsdiskriminierung (neben anderen Diskriminierungsformen).
Nicht umsonst ist gerade diese Zeit eine prekäre, wenn es um die Entstehung von Essstörungen geht. Jugendliche haben es ohnehin schon schwer, in diesem Bereich zwischen Kind sein wollen, aber auch mehr Bedürfnis nach Autonomie haben zu wollen. Es ist ein Alter, in dem wir auch Teil einer Gemeinschaft Gleichgesinnter sein wollen, der Peers. Zugehörigkeit wird über Kleidung ausgedrückt, über Haare, Schmuck, aber eben auch über den Körper. Und genau da kann es schon passieren, dass Jugendliche sich „zu kurvig“ fühlen, „zu klein“, „zu groß“, „zu dick“ etc.
Heute wissen wir, dass Social Media die Körperwahrnehmung und das Körperbild von Jugendlichen maßgeblich formt – aber das ist nicht nur bei Jugendlichen so.
Die Rolle von Social Media
Dank Social Media sehe ich Körper, die mir in meinem normalen Alltag nie begegnet werden. Körper vom anderen Ende der Welt. Körper, die zum Teil auch stark bearbeitet wurden, die in Shapewear stecken und besonders „vorteilhaft“ belichtet wurden. Ganz anders, als die Körper, die ich im Bus, Supermarkt oder auf der Straße sehe.
Was wir bei dem Blick auf Social Media gerne mal vergessen, ist, dass es sich um ein stark kultiviertes Medium handelt. Auch wenn manche Fotos wie vermeintliche Schnappschüsse aus dem Alltag dargestellt werden, wissen wir einfach nicht, ob dabei nicht doch der Bauch eingezogen, die Wohnung aufgeräumt oder davor noch gar irgendetwas eingenommen wurde. Am Ende wurde auch diese Momentaufnahme nochmal nachbearbeitet – wir wissen es einfach nicht.
Dann geht der Blick vom Handy in den Spiegel, wo uns dann die Realität begrüßt. Ungefiltert, ehrlich – und mit dem direkten Vergleich eines bearbeiteten Körpers. Auch wenn wir rational verstehen können, dass dieser Körper nicht einfach so aussieht, sondern eine Person vielleicht ihr Leben darauf auslegt, ihn nach außen hin zu „optimieren“, reicht das oft nicht aus, um uns davon emotional zu distanzieren.
Abgrenzung lernen
Eine Möglichkeit, um uns davon abzugrenzen, wäre Social Media gar nicht mehr zu nutzen – aber das ist für viele nicht möglich oder auch ein zu großer Schritt. Was können wir stattdessen machen? Zumindest mal jenen Accounts entflogen, mit denen wir uns vergleichen. Ich höre auch oft, dass gewisse Accounts als Art „Inspiration“ dienen. Ich finde aber, wenn wir uns dabei oft genug schlecht fühlen, dann ist in meinen Augen der Schaden größer als der Nutzen. Du kannst bei Bedarf ja immer noch auf das entsprechende Profil zugreifen, wirst dabei aber nicht passiv die ganze Zeit bespielt.
Außerdem ist an Tagen, an denen wir uns ohnehin körperlich oder mental schlecht fühlen, die Bildschirmzeit meist höher. Zu hoch. Das heißt, wir füttern unsere Unsicherheit dann nur noch weiter mit bearbeiteten Körpern. Vielleicht erhoffen wir uns davon insgeheim ein Form von Motivation – denn der Körperfrust sitzt bei vielen ganz schön tief. Manchmal hilft es in solchen Momenten aber auch, das Handy wegzulegen und den Blick, wenn möglich, auf die Straße zu lenken und sich anzusehen, wer denn wirklich in meiner Umgebung unterwegs ist.
Oder auch das Handy wegzulegen, die Augen zu schließen, die Hände auf den Körper zu legen und laut zu wiederholen: „Social Media zeigt nur ein verzerrtes Körperbild. Die Realität sieht anders aus und mein Körper ist richtig, genau so wie er ist.“ Eine Meditation für Körperdankbarkeit kann da auch besonders wertvoll sein.
Social Media für Körperakzeptanz nutzen
Tatsächlich nutze ich aber Social Media wiederum ganz gerne, um das Körperbild zu stärken, denn es hat natürlich auch Vorteile. Etwa kann ich viel mehr marginalisierte Körper sehen, die in unserer Gesellschaft diskriminiert oder ausgeschlossen sind und etwa keinen Zugang zu meinen Räumen haben. Körper ohne Gliedmaßen, Körper, die im Rollstuhl sitzen oder Körper, die sich nicht bewegen. Gerade für marginalisierte Körper kann Social Media ein Ort sein, sich zu zeigen und Raum einzunehmen.
Denn interessanterweise fühlen viele Menschen sich auf Social Media oft sicherer als im „echten“ Leben. Sie zeigen ihre Brüste ohne BH, ihre Achsel- und Beinhaare. Queere Menschen und Transpersonen können ihre Identität ausleben, ohne physische Gewalt zu erfahren oder ihre Sicherheit zu gefährden. Natürlich gibt es digitale Gewalt, Hass und Diskriminierung und trotzdem kann ich damit anders umgehen als auf der Straße.
Um solche Menschen zu sehen, nutze ich Social Media richtig gerne. Es ist für mich eine Form von Gegenpol zu all den normierten, bearbeiteten Körpern, die uns in den Medien, im Fernsehen und Co begegnen. Je mehr ich Achselhaare und behaarte Beine sehe, desto weniger werde ich mich auch an meinen eigenen stören. Natürlich wird das nicht von heute auf morgen passieren und trotzdem kann ich damit weiterhin die sozialen Medien nutzen – nur eben, um mein Körperbild damit zu stärken.
Analog dein Körperbild stärken
Natürlich kann ich auch ohne Social Media (oder zumindest nicht nur damit) mein Körperbild stärken. Eine Übung, die ich sehr gerne mache, ist, mir bewusst zu machen, was mich als Mensch eigentlich ausmacht. Was schätze ich an mir? Was mögen andere an mir? In der Regel ist es meinen Freundinnen egal, ob mein Bauch flach ist oder nicht. Aber meinen Humor, meine Empathie, meine Spontanität – das schätzen sie.
Wir sind so viel mehr als unser Körper. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass es der uninteressanteste Part von uns ist. Er ist zwar unser Zuhause und soll sich sicher und wohl anfühlen – aber sein Aussehen ist in dem Sinne wirklich nicht so wichtig, wie wir denken.
Stell dir doch mal vor, wie viel Energie und Gedanken du in die „Optimierung“ deines Körpers gesteckt hast – und wie viel du dabei verpasst hast? Wir sind oft so darauf fixiert, auf den Moment hinzuarbeiten, wo wir dann endlich das Leben genießen können, dass das Leben derweilen an uns vorbei zieht.
Wenn du dich wieder mit deinem Körper anfreunden möchtest, dann habe ich hier eine Übung für dich, wo wir uns dem Anblick im Spiegel. Gerade der Blick nach Social Media dorthin ist für viele herausfordernd – aber das muss nicht so sein.